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Techno-Classica  Reportage: Techno-Classica

Der Welt entrückt



Die Techno-Classica als größte Oldtimermesse der Welt zeigt, wie der Klassikbereich boomt. Ein Rundgang durch eine Parallelwelt von Porsche 911 T, Steve McQueen und Überrestaurierungen.

 
 Techno-Classica
  
 Techno-Classica  - Foto: Grundhoff  Techno-Classica - Foto: Grundhoff  Techno-Classica - Foto: Grundhoff  Techno-Classica - Foto: Grundhoff  Techno-Classica - Foto: Grundhoff  Techno-Classica - Foto: Grundhoff

Der tiefgrüne Bentley 4,5 Litre Blower, Baujahr 1930, steht in Halle 11 der Gruga-Messe etwas am Rande. Trotz aufgeklappter Motorhaube und Bestzustand gehen die meisten Besucher an dem legendären Vorkriegsmodell mit Le-Mans-Historie vorbei, ohne es groß zu beachten. Ein paar Meter weiter sieht das ganz anders aus. Ein weißer Porsche 911 S, ein gelbes T-Modell gleicher Basis, ein Aston Martin DB5 und ein Lancia Delta Integrale erfreuen sich größter Beliebtheit.

Kameras klicken, Verkleidungen werden angehoben und der Kopf fachsimpelnd in den Motorraum gesteckt. Die meisten Messestände sehen aus, als wären sie im Stile von Schuhgeschäften aus den 60ern inszeniert worden. Jeder Zentimeter wird ausgenutzt, kaum etwas lässt sich genau beurteilen - geschweige denn eine Fahrzeugtür sich öffnen.

Halle an Halle auf der Techno Classica 2016 wirkt wie eine historische Automobilorgie - man lebt im Überfluss und suhlt sich wohlig darin. 2.500 angebotene Fahrzeuge, 1.250 Aussteller und mehr als zwei Dutzend Autohersteller aus der ganzen Welt - das bietet weltweit keine andere Klassikveranstaltung. Selbst in Pebble Beach, am Comer See oder auf Amelia Island kennt man die Techno-Classica in Essen - auch wenn kaum einer weiß, wo das nur annährend liegen könnte.

Von Jahr zu Jahr wird die Blase aus phantastischen Wertsteigerungen größer. Klassiker, die einst mit 20.000, 40.000 oder 60.000 Euro schon stramme Verkaufspreise erzielten, sind längst in sechsstellige Sphären entschwunden.

Die Gründe für den anhaltenden Young- und Oldtimerboom liegen auf der Hand. Zum einen haben klassische Fahrzeuge die Menschen schon immer begeistert. Zum anderen locken manche Oldtimer nach wie vor mit Wertsteigerungen, die zum Jahrtausendwechsel allenfalls kühne Aktienpakete offerierten. Und dann ist da der emotionslose Markt der aktuellen Autos. Dort dreht sich zunehmend alles um intelligente Fahrerassistenzsysteme, Downsizing, hohe Sitzpositionen oder autonomes Fahren. Politisch inkorrektes PS-Geprotze ist out und die Autohersteller kämpfen mit Regulierungsbehörden sowieso um die letzten Gramm CO2.

Techno-Classica, Reportage
Für einen grellgrünen 911 Carrera 2.7 RS aus dem Jahr 1973 werden in Halle 7 stramme 749.000 Euro aufgerufen
Techno-Classica, Reportage

Kein Wunder, dass Autos zunehmend unsexy werden. Der Anteil der Dienstwagenfahrer wird immer größer und so mancher möchte am Wochenende eben doch nicht mit einem silbernen VW Passat Variant 2.0 TDI Bluemotion oder einem dunklen BMW 318d xdrive Touring durch die Gegend kutschieren.

Da besinnt man sich gerne seiner Kindheit, als die automobile Welt - zumindest aus der verklärenden Rückschau - noch in bester Ordnung war. Netter Nebeneffekt: Es gibt sowieso keine Zinsen auf dem Tagesgeldkonto und da kommt ein Klassiker auf dem Sprung zum H-Kennzeichen doch gerade Recht.

Wohin so etwas führen kann, ist in den prall gefüllten 21 Hallen an der Gruga bestens zu sehen. Auf den meisten Messeständen kann man kaum einen Schritt vor den anderen setzen, weil sich Young- und Oldtimer dicht aneinanderdrücken. Die Informationsschilder in den Windschutzscheiben weisen Preise aus, dass einem nicht nur in den ersten Hallen der Atem stockt.

Die unüberschaubare Armee der Porsche 911 jeglicher Ausgestaltung ist nicht nur in ihrer Vielzahl beängstigend. So tummeln sich rund um den weißen Porsche 911 T 2.2 von 1970 für 96.900 Euro auf dem Freigelände vor Halle 7 genauso viele Schaulustige, wie um den grellgrünen 911 Carrera 2.7 RS aus dem Jahr 1973, für den in Halle 7 stramme 749.000 Euro aufgerufen werden. Da nimmt man dann eine Alfa Romeo Giulietta 1.6 der Serie I aus dem Jahre 1980 für 7.000 Euro mit einem ebenso zufriedenen Nicken zur Kenntnis wie den Renault 5 GTL, einen Citroën DS 21 oder den beigen Ford Granada 2.3 GL von 1981.

Die Schar der Mercedes 300 SL Flügeltürer wird - überrestauriert wie eh und je - immer kleiner. Stattdessen fahren immer mehr 220er und 190 SL Versionen vor. Das weiße Mercedes 220 Cabriolet soll dem niederländischen Händler 145.000 Euro bringen und auch der unrestaurierte 190 SL in schwarz-weiß von 1960 trägt ein stattliches Preisschild: 124.900 Euro. Einen Lamborghini Countach der letzten Generation wollten vor Jahren allenfalls eingefleischte Stier-Fans in der Garage haben - heute kostet so ein Modell an der Ruhr lockere 590.000 Euro.

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Klar auf dem absteigenden Ast in den Gruga Hallen: die meisten Vorkriegsmodelle
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Für den orangefarbenen BMW 2002 tii von 1975 ruft der schwedische Händler 55.000 Euro auf. Der dynamische Bayer ist einer der zahllosen Jubilare auf der Klassikmesse. Der 02er feiert 2016 ebenso einen runden (40.) Geburtstag, wie die W 140er-Baureihe der Mercedes S-Klasse (25 Jahre), der Hensen Interceptor (50 Jahre), Lamborghini Miura (50 Jahre) oder der längst zum Klassiker gewordenen VW Golf GTI, der ebenfalls seinen 40. Jahrestag zelebriert.

Gerade die jüngeren Oldtimer und Youngtimer stehen in Essen deutlich mehr im Vordergrund als noch vor Jahren. Dazu geben die Europäer mit Schwerpunkte Deutschland, England und Italien klar den Ton an, während sich auf dem Markt der Amerikaner abgesehen von den ungebrochen solide gepreisten Muslce Cars wenig tut.

Nach wie vor kaum existent in Essen sind historische Japaner, von denen auf der Techno-Classica nur ein paar Handvoll sportlicher Versionen und Toyota Land Cruiser Aufmerksamkeit bekommen. Klar auf dem absteigenden Ast in den Gruga Hallen: die meisten Vorkriegsmodelle, von denen allenfalls ein BMW 328 oder einen Alfa Romeo 6C aus der Verkaufsmasse heraussticht. Was das für die Marktpreise bedeutet, wird man schnell bei den internationalen Oldtimerversteigerungen und den Preisverleihungen sehen.

Doch die Messe in Essen lebt nicht von den gleißend hellen Ständen der Autohersteller, die die historische Leistungsschau längst als eine ertrag- und imageträchtige Marketingplattform entdeckt haben oder den zahllosen Klassikhändlern mit ihren astromischen Verkaufserwartungen.

Wenn sich etwas auf der Techno-Classica nicht geändert hat, dann sind es die hunderte von Teilehändlern, die vom Blinkerhebel für einen Heinkel über Fußmatten für den Jaguar E-Type bis zum Kofferset für den Citroën 2CV alles anbieten, was nur annährend etwas mit klassischen Autos zu tun haben könnte. Dazu die kaum kleinere Anzahl von Devotionalientandlern, bei denen es weit mehr zu entdecken gibt, als großformatige Steve McQueen Poster, die mittlerweile eine ähnlich hohe Auflage wie Siebdrucke von Roy Lichtenstein haben dürften.

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Fotos: Grundhoff
Ort: Essen

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