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Autoklassiker  Autoklassiker: Mercedes S 600 Pullman

Heimspiel in Bonn



Wolfgang Wöstendieck hat in seinem schwarzen Mercedes S 600 Pullman alle gefahren: den Kaiser von Japan, Lady Di und den Papst. 15 Jahre nach seiner letzten Dienstfahrt kehrt er noch einmal nach Bonn zurück – am Lenkrad der Staatskarosse.

 
 Staatspullman
  
 Staatspullman  - Foto: Grundhoff  Staatspullman - Foto: Grundhoff  Staatspullman - Foto: Grundhoff  Staatspullman - Foto: Grundhoff  Staatspullman - Foto: Grundhoff  Staatspullman - Foto: Grundhoff

Wolfgang Wöstendieck und seine schwer gepanzerte Staatslimousine hatten in ihrer Dienstzeit viel zu tun. Von 1971 bis 1993 war der heute 72jährige Rentner mit drei anderen Fahrern der offizielle Chauffeur der deutschen Staatslimousine. Immer wenn der Besuch eines hohen Gastes anstand, orderte das Auswärtige Amt bei Mercedes-Benz in Stuttgart das unschlagbare Doppel aus Wöstendieck und "seinem" schwarzen Pullman, Kennzeichen S-VC 600 aus dem Baujahr 1965.

Die exklusivste deutsche Nachkriegslimousine wurde von 1963 bis 1981 exakt 2677 Mal gebaut. Viele der 477 Pullman-Langversionen gingen in den Besitz von Regierungen und hoch gestellten Persönlichkeiten über. Hauptmärkte waren neben den USA und Deutschland vor allem Frankreich und England, wo sich der 600er besonders als kurze Version großer Beliebtheit erfreute. Zahlreiche, besonders exklusive Fahrzeuge, fanden den Weg auch in den Orient und nach Asien, wo die meisten noch heute im repräsentativen Einsatz sind.

Gleichermaßen spektakulär und unauffällig sind jedoch die beiden Versionen, die Mercedes zusammen mit Wolfgang Wöstendieck für Staatsbesuche bereit hielt. Beide S 600-Pullman waren schwer gepanzert und sollten gefährdeten Staatsgästen wie Prinz Charles, Erich Honecker, Boris Jelzin oder Leonid Breschnew nicht nur Komfort, sondern auch die nötige Sicherheit auf deutschen Staßen geben.

"Insgesamt war ich zwischen 1971 und 1993 bei 116 Staatsbesuchen dabei", erzählt der aus Bremen stammende Wöstendieck. "Ich kam über meine Fahrlehrertätigkeit bei der Bundeswehr nach Stuttgart. Hier fing ich bei Mercedes als Werksfahrer an und wurde nach ein paar Jahren Fahrer der Staatslimousinen. Eigentlich durch Zufall."

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Selbstversorger
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Zwischen Villa Hammerschmidt, Petersberg und Bad Godesberg fühlt sich der Wahlschwabe noch heute wie zu Hause. Seine Übernachtungen am Petersberg, dem ehemaligen Gästehaus der Bundesregierung oder in einer kleinen Pension in Bonn sind ungezählt. "Die meiste Zeit haben wir sowieso im oder am Wagen gewartet", erinnert sich Wöstendieck. "Manchmal viele Stunden. Bei Empfängen und Staatsbesuchen mussten wir natürlich immer im Auto bleiben. Zum Glück hatte ich immer meine Survival-Box dabei – eine kleine Kodak-Kühltasche mit Schokolade, Cola und Chips. Versorgt wurden wir ja nie."

Dass seine Wartezeit sehr komfortabel war, kann man nicht behaupten. Während sich die Staatsgäste im 6,24 Meter langen S 600 bequem ausbreiten konnten, kauerten Wöstendieck und seine Kollegen im engen Volant. Die ebenfalls gepanzerte Trennscheibe ließ kaum Platz für das Personal in der ersten Reihe. Der bequeme Fond war tabu. Wolfgang Wöstendieck: "Meist saß auf dem Beifahrersitz neben mir ein Sicherheitsbeamter vom BKA." Für die Sicherheit der Gäste sorgten nicht nur Fahrzeugkolonne und Sicherheitsbeamte, sondern auch die Schwerpanzerung in B6/B7, die den an sich 2,7 Tonnen schweren Pullman auf rund 4,5 Tonnen aufrüstet.

15 Jahre nach seinem letzten Einsatz kehrte Wöstendieck nun noch einmal an die Villa Hammerschmidt, den ehemaligen Erstwohnsitz des Bundespräsidenten, zurück. Zielsicher fuhr er eine Runde vorbei an Blumenbeeten und Springbrunnen bis zur Auffahrt vor der strahlend weißen Villa selbst: "Der Wagen muss immer mit dem Gesicht nach links stehen – steht so im Protokoll."

Einen Unfall hat es bei seinen zahllosen Dienstfahrten nicht gegeben. Einmal sorgte ein unschein- und unsichtbarer Poller beim Münchner Wirtschaftsgipfel für einen Kratzer an der Chromstoßstange des Pullman. Und den ersten Punkt in Flensburg bekam Wöstendieck erst vor ein paar Jahren – mit seinem kleinen Smart Fortwo, den der Senior neben seinem alten Mercedes 250 D heute als Stadtauto fährt.

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In gutem Licht
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Der Mercedes S 600 Pullman gilt für viele bis heute weltweit als die Staatslimousine schlechthin. mit seinem klassischen Design fügte sich der Pullman besser als jedes andere Auto in das zurückhaltende deutsche Nachkriegsgefüge aus dezenten Regierungsbauten, Bonn als Bundeshauptstadt und einem Regierungssitz wie der nüchtern stilisierten Villa Hammerschmidt am Ufer des Rheins ein.

Trotzdem ging es im Innern des S600 Pullman nach damaligen wie heutigen Maßstäben luxuriös zu. Der 3,90 Meter lange Radstand sorgte dafür, dass honorige Staatsgäste die Beine bei den zumeist recht kurzen Verbindungsfahrten entspannt ausstrecken konnten. Orangefarbene Innenleuchten sorgten dafür, dass die Insassen in einem guten Licht zu bestaunen waren. Für angenehme Privatsphäre im Fond sorgten unter anderem die ausfahrbare Trennwand, Vorhänge im Fond und die pneumatisch verschiebbare Rückbank.

Alles gesteuert von der hochkomplizierten Komforthydraulik, die den 600er bis zu seiner Produktionseinstellung im Jahre 1981 so einmalige machte. "Über die Hydraulik wurde beim S 600 fast alles gesteuert", sagt Peter Schellhammer, der weltweit für die Technik der Luxuslimousinen zuständig war. "Unter anderem die Fensterheber, das Schiebedach, die Sitze oder sogar die Klappensteuerung der Klimaanlage.“ Zu seiner Zeit galt der Mercedes-Benz S 600 als wohl bestes Auto der Welt – egal ob lang, kurz oder als offener Laudaulet. Es wurde sogar zwei Prototypen als S 600 Coupé gefertigt.

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Fliegen statt fahren
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Spezialreifen und die schwere Panzerung der beiden Staatslimousinen sorgten dafür, dass die an sich grandiosen Fahrleistungen für die frühen 60er Jahre (510 Nm Drehmoment, 207 km/h, 0 auf 100 km/h in 10 Sekunden) bei der Panzerversion völlig verpufften. 4,5 Tonnen schwer und 250 PS stark war für Wöstendieck und seine Kollegen nicht mehr als Tempo 100 drin. "Aber die längeren Strecken wurden sowieso meist geflogen. Wir fuhren meist nur einige Kilometer – um dann wieder lange zu warten", erzählt der grauhaarige Limousinenchauffeur.

Brenzlig sei es bei seinen Fahrten nie geworden, so Wöstendieck: "Doch als Breschnew da war, gab es in der Nähe von Gymnich eine Reifenpanne. Breschnew wurde in das zweite Fahrzeug gebracht, die Standarten umgebaut und nach 67 Sekunden konnten wir weiter fahren." Als zwei Tage später Prinz Philipp chauffiert wurde, schaute der nur auf die Reifen und fragte Wöstendieck spitzbübisch: "Sind die Reifen auch in Ordnung?"

Wen alles Wolfgang Wöstendieck im edlen Flockvelours sicher und komfortabel durch die deutschen Lande brachte, davon zeugt noch heute sein Poesiealbum. Die meisten der Staatsgäste haben hier neben Foto und Datum ihre Unterschrift und ein paar Zeilen hinterlassen – so Amy und Rosalyn Carter (15. Juli 1978), Papst Johannes Paul II (16.11.1980) oder Staatspräsident Jose Napoleon Duarte (Juli 1984).

Den S 600 Pullman bekommen die Staatsgäste der Bundesrepublik Deutschland mittlerweile nicht mehr geboten. Doch sie können sich schon mal freuen: Ende des Jahres kommt ein neuer S 600 Pullman. Den würde wohl auch Wolfgang Wöstendieck gerne noch einmal fahren – am liebsten in Bonn.

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Text:  Eine eMail an Stefan Grundhoff schicken Auf Artikel linken
Fotos: Grundhoff

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