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  Autoklassiker: VW Polo Generation I

Mut zur Kante



Alle reden nur vom Golf. Doch auch der VW Polo wird im nächsten Jahr 40. Höchste Zeit also für eine kleine Reise in die Vergangenheit. Noch heute macht der Klassiker aus Wolfsburg eine Menge Spaß.

 

Wo ein Golf, da auch ein Polo. Diese Prämisse hatte im VW-Universum schon vor fast 40 Jahren Bestand. So nehmen auch die beiden Modellbezeichnungen auf Sportarten Bezug. "Bezahlbare Mobilität" lautete damals die Vorgabe an die Entwickler. Herausgekommen ist der VW Polo, der 1975 seine Premiere feierte. Der "Typ 86", so der interne Code, teilte sich die Technik mit dem luxuriöser ausgestatteten Audi 50, überlebte den Bruder aus Ingolstadt aber um drei Jahre. Erst 1981 wurde die Produktion des kleinen Wolfsburgers eingestellt.

Zuvor gab es noch 1979 ein Facelift, bei dem vor allem die Stoßstange verändert wurde. Die war nun aus Kunststoff. Auch das Interieur präsentierte sich etwas wertiger. Schließlich war der Polo in der Basisversion ziemlich spärlich ausgestattet: Türverkleidungen aus Pappe und eine Drahtschlinge als Gaspedal - das machte damals schon nicht sonderlich viel her. Der Preis für das Einstiegs-Modell betrug 1975 noch 7.500 D-Mark (etwa 3.834 Euro). Da der Polo zunächst nur als Zweitürer zu haben war, legte VW 1977 noch eine Rucksack-Version mit vier Türen auf Kiel. Was dem Golf recht war, war dem Polo billig: Derby hieß der Polo-Passat.

Da steht nun also ein Vertreter dieser Historie. Graue Maus? Von wegen. Der Polo L, Baujahr 1977, fällt auf. Das liegt zum einen an der Farbe des Lacks: "Maritimblau". Und zum anderen an der kantigen Karosserie, die nur noch selten in "freier Wildbahn" zu sehen ist.

Ist dieser initiale Schock erst einmal überwunden, hat man in diesem Klassiker aus Wolfsburg eine Menge Spaß und erlebt einen automobilen Sprung in die Vergangenheit. Das geht schon beim Einsteigen los. Die Tür wiegt fast nichts und fällt nicht wirklich satt ins Schloss. Das ist kein Wunder, da das ganze Auto ein Leichtgewicht ist. Aber dem Oldtimer mit den verträumten Kulleraugen verzeiht man so etwas.

Der 0,9-Liter-Motor muss erst mit einem Choke in Laune gebracht werden

Innen bietet der 3,51 Meter lange Wolfsburger erstaunlich viel Platz. Zumindest vorne. Die Rückbank ist wohl eher was für die Fahrt in die Disco. Der Polo 1 kannte noch Schlaghosen, Glitzerkugeln, "Saturday Night Fever" und John Travolta.

Der Innenraum verströmt dagegen wenig Glamour, könnte aber eine Fallstudie für zukünftige Bedienkonzepte sein: kein Hebel-Salat, keine Drehrücksteller, sondern lediglich zwei Drehknöpfe für Luftstromverteilung und Wärme. Dazwischen ein Kippschalter für den Ventilator. Wer mehr Kälte will, der kurbelt einfach das Fenster herunter. Sogar das alte Radio funktioniert noch prächtig. Der Preis für das Fahrzeug betrug damals 8.325 D-Mark. Das sind rund 4.256 Euro.

Die Startprozedur ist eine Rückkehr in eine längst vergessene Zeit. Der 0,9-Liter-Motor muss erst mit einem Choke in Laune gebracht werden. Der Umgang mit dem Zieh-Stift gehörte früher zum täglichen Brot eines jeden Autofahrers. Rollt der Polo erst einmal, verwandelt sich der Alltagsstress in große Entspannung. Das Reihenvierzylinder-Triebwerk mit seinen 40 PS unterdrückt alle Rennfahrer-Ambitionen mit einem hellen Timbre. Nicht Kampflinie, sondern Gleiten heißt die Maxime.

Die Bremskombination - vorne Scheiben, hinten Trommeln - käme bei mehr Power ziemlich ins Schwitzen

Das klappt mit dem Motörchen ausgezeichnet. Da der Polo nur 685 Kilogramm wiegt, braucht es auch nicht mehr Kraft. Die Spitzengeschwindigkeit von 132 km/h ist locker autobahntauglich. Auf Landstraßen schwimmt der Oldtimer souverän im Verkehr mit. Klar würden die Sitze heute kaum das Siegel der "Aktion Gesunder Rücken" bekommen - aber wirklich unbequem sind sie nicht und in Kurven kann man sich ja immer noch an dem großen Lenkrad festhalten.

Die Bremskombination - vorne Scheiben, hinten Trommeln - käme bei mehr Power ziemlich ins Schwitzen. So haben die 145er Reifen nicht das geringste Problem mit dem kecken Polo. Ergänzt wird das Paket durch ein Vierganggetriebe mit langem Stock. Das Schalten erinnert ein bisschen an das Stochern mit einem Pürierstab, aber auch daran gewöhnt man sich nach einiger Zeit und die Gänge flutschen locker und lässig hinein. Ähnliches gilt für das Lenkrad, das mit dem dünnen schwielenfördernden Kranz zunächst für haptische Albträume sorgt. Auch die fehlende Servo-Unterstützung fällt nach ein paar Fahrminuten kaum mehr auf. Trotzdem: Beim Rangieren braucht man etwas Schmalz in den Armen.

Das gilt übrigens auch für die Beinmuskeln. Die werden vor allem beim Verzögern benötigt, das ganz ohne Bremskraftverstärker gelingen muss. Doch hat man sich einmal mit diesen Gegebenheiten angefreundet - und das geschieht wirklich schnell - dann ist die Fahrt in dem Polo ein echtes Vergnügen. Das Problem ist nur, dass zurück in einem modernen Auto die erste Verzögerung zur Vollbremsung mutiert - und die anderen Verkehrsteilnehmer sich wundern, warum man herzhaft lacht.

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