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Reportage  Reportage: Rallye auf dem Beifahrersitz

Auf der Kanonenkugel



Ein guter Rallyefahrer kommt auch ohne seinen Beifahrer ins Ziel. Allerdings viel später als die Konkurrenz. Und da es in der Rallye-WM um Zehntel Sekunden geht, entscheidet jede Information.

 
 Rallye-Beifahrer
  
 Rallye-Beifahrer  - Foto: aaid  Rallye-Beifahrer - Foto: aaid  Rallye-Beifahrer - Foto: aaid  Rallye-Beifahrer - Foto: aaid  Rallye-Beifahrer - Foto: aaid  Rallye-Beifahrer - Foto: aaid

Es ist Mittag, die Sonne brennt unerbittlich auf das Dach des Porsche 911 GT3 Cup ST. Schon vor dem Start liegt die Innenraumtemperatur bei über 40 Grad. Klaus Wicha, seines Zeichens professioneller Beifahrer - korrekterweise heißt es "Zweiter Fahrer" - betritt das Fahrerlager. Der gelernte Maschinenschlosser fährt seit 1982 verschiedenste Rallyes und feierte 1989 in Griechenland sein World Rallye Car-Debüt. Der 50-Jährige hat eine einfache Antwort auf die Frage, warum er denn nicht selbst am Steuer sitzt: "Ich habe es einmal versucht aber sehr schnell gemerkt, dass ich vorn rechts besser aufgehoben bin."

Das Besondere an diesem Rennwochenende ist, dass ich während des Shake-Downs den Platz von Klaus übernehmen darf. Mit meiner Größe von 1,93 Meter und einem BMI-Wert weit über dem eines professionellen Rennfahrers fällt schon die erste Sitzprobe in dem Rallye-Porsche wie eine schon zu Schulzeiten gehasste Turnübung aus.

Das Wichtigste beim Einsteigen ist, sich zu merken, wie man eingestiegen ist. Heraus geht es nämlich am besten in genau der umgekehrten Bewegungsreihenfolge. Erst einmal drin im Rennschalensitz, fesselt mich der Blick auf das karge aber dennoch sehr interessante Innenleben des 911ers. Die beiden Feuerlöscher vor den Sitzen und die fetten Stahlrohre vermitteln ein Gefühl von Sicherheit, lassen ihn aber auch gleichzeitig wie einen hochexplosiven Vogelkäfig wirken.

Trotz meiner kurzen Hose und dem T-Shirt wird es schnell warm im Innenraum und die Gedanken an die noch kommenden Momente treiben mich grazil wie ein Elefant aus dem noch stehenden Käfig heraus. Nach einem kurzen Informationsaustausch steht fest, dass ich laut den Regularien unter meinem feuerfesten Rennanzug feuerfeste Unterwäsche tragen muss. Soll heißen, es wird unfassbar heiß. Einziger Vorteil: Vor Hitze anfangen zu brennen werde ich nicht.

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"Links zwo über Kuppe"
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Bevor der Motor gestartet wird, lasse ich mir erst noch die Aufschriften von Klaus überreichen – und erklären. Alle WM-Piloten dürfen nämlich die Wertungsprüfung vor der Rallye zu einem festgelegten Termin zweimal abfahren und sich währenddessen alles notieren, was wichtig scheint. Was dabei herauskommt, sind stenografische Aufzeichnungen, mit denen ein Außenstehender so gut wie nichts anfangen kann. Einzig meine Playstation- und PC-Erfahrungen lassen mich nicht wie einen total Ahnungslosen wirken. Sätze wie "50 links zwo über Kuppe nicht schneiden 30 Senke rechts vier macht zu" kommen mir daher zwar bekannt, in schriftlicher Steno-Form jedoch recht spanisch vor.

Nach einer 15-minütigen Blitzeinführung in die mit 5,7 Kilometern Länge recht überschaubare Strecke, habe ich zwar annähernd alle neun Seiten verstanden, sie während der Fahrt für meinen Fahrer verständlich zu verbalisieren halte ich jedoch für eine echte Herausforderung. Ich solle mir darüber aber keine Sorgen machen, da Klaus die Strecke vorher zweimal im Renntempo mit seinem Fahrer abfahren wird.

Der betritt soeben das Fahrerlager. 1,74 Meter groß, 60 Kilogramm leicht und ein Strahlen auf dem Gesicht, das verrät: Hier hat jemand Spaß an dem was er tut. Timo Bernhard - der 30-Jährige Porsche-Werksfahrer fährt normalerweise die großen Langstreckenrennen wie die 24 Stunden von Le Mans oder die 24 Stunden auf der Nordschleife. Aber er fährt sie nicht nur - er gewinnt sie auch. Den Rallyesport hat er sich zum Ausgleich ausgesucht. Andere spielen Golf, er fährt mit Vollgas durch Weinberge.

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Kontakt zum Auto
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Es ist soweit, der einzige Porsche im Starterfeld rollt zum letzten Mal an mir vorbei. Gleich ist Beifahrer-Wechsel. Der Rennanzug sitzt wie eine zweite Haut. Die Unterwäsche sorgt für eine wohlige Hitze und der in der Sonne funkelnde Helm passt wie angegossen. Der erste Liter Schweiß ist bereits geflossen. Mein äußerst sensibler Magen beginnt zu rumoren. Ein letzter Blick in den Himmel und nochmals tief Luft geholt. Durch meinen Helm dringt der unüberhörbare Sound des 3,6 Liter- und ca. 420 PS starken GT3 Cup ST-Motors.

Die nur gut drei Kilogramm leichte Tür schwingt auf und Klaus klettert geschickt aus dem Käfig in die Freiheit. Die Freiheit, die ich nun gegen den Beifahrersitz eintausche. Nach einem etwas länger dauernden Anschnallakt vereint mich der Fünf-Punkt-Gurt mit dem Fahrzeug. Dank meiner Größe findet auch mein behelmter Kopf recht schnell Kontakt zum Auto - was sich bereits nach der ersten Kurve als Nachteil herausstellen soll.

Ein kurzer Blick von Timo gepaart mit dem Satz "Das wird geil!" lässt nun auch meine letzte Hoffnung auf eine magenfreundliche Spritztour in dem gefühlt 90 Grad heißen Innenraum dahinschmelzen. Auf meine Frage, ob er sich denn bei den ersten beiden Durchläufen die Strecke gut habe merken können, kommt ein grinsendes "Ich verlass mich auf Dich" zurück. Ach ja, der zweite Liter ist soeben verschwitzt worden.

Startzeit 14:07 Uhr. Laut der Aufzeichnung geht es bereits nach 50 Metern im rechten Winkel nach links ab. Was folgt ist ein Schotterweg quer durch ein Feld mit einer nach 30 Metern folgenden, halblangen Rechtskurve. Das einzige was nach dem Blitzstart über meine Lippen kommen soll ist allerdings: "50 Abzweig links zwo cut rollt Feld 30 rechts drei half long."

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Rhythmisches Blättern
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Was davon nun tatsächlich den Weg in Timos Ohren gefunden hat, weiß ich bis heute nicht. Ich stelle schnell fest, dass Playstationspiele zwar immer realistischer, aber niemals echte Rallyefahrten ersetzen werden. Die Landschaft zischt an uns vorbei, der Abstand zur Streckenbegrenzung geht gegen Null und die Bremspunkte von Timo unterscheiden sich in einigen Metern von den meinen.

Nachdem ich bereits bei der Hälfte der ersten Seite meines Road-Books ins Schlingern gekommen bin, blättere ich die restlichen acht Seiten im Takt um. So bleibt zumindest der Anschein eines aktiven Beifahrens bestehen.

Auf Seite drei angekommen meldet sich mein Magen und meine Augen versuchen, ganz wie auf hoher See, den Horizont zu erfassen. Da fällt mir auf, dass viele hundert Menschen an der Strecke stehen und jubeln. Ich erwische mich sogar dabei zu winken, während Timo die freistehende Handbremse für die nächste spektakuläre Haarnadel, also links eins, betätigt.

Als ob ich es geahnt hätte, überqueren wir passend zu meinem letzten rhythmischen Seiten-Umschlag die Ziellinie. Die gestoppte Zeit von vier Minuten, 18 Sekunden spiegelt nicht annähernd die meiner inneren Uhr wieder. Es war eine Ewigkeit. Ungefähr dieselbe Zeit verbleibe ich übrigens auch noch nach dem finalen Stopp in meinem liebgewonnenen Rennschalensitz - denn ich habe unterwegs vergessen, wie ich eingestiegen bin.

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Text:  Eine eMail an Marcel Sommer schicken Auf Artikel linken
Fotos: aaid
Ort: Trier

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