Das erste Tabu hat Jaguar bereits im vergangenen Jahr gebrochen. Zum ersten Mal in der bewegten Firmengeschichte wurde eine britische Raubkatze mit einem Dieselmotor vorgestellt. Aufregung im Abendland. Nun folgt ein Kombi.
Seitdem der Ford Konzern die Gewalt über die Nobelmarke von der Insel innehat, hat sich vieles getan. Lifestyle und Extravaganz – ja - aber es muss sich rechnen. Jetzt treibt es der letztjährige Dieselvorreiter X-Type noch doller. Als ebenfalls erster ist der kleinste Jaguar nun als Kombiversion zu bekommen. Vor Jahren eine nahezu undenkbarer Variation. Der neue Hoffnungsträger heißt Estate und soll der renommierten Konkurrenz von 3er Touring, A 4 Avant und Mercedes T-Modell mächtig Dampf unter dem geräumigen Hinterteil machen.
Eines vorweg: Der neue X-Type Estate sieht klasse aus, hat Charme, Eleganz und ein gutes Raumangebot. Vielleicht hätten sich die Jaguar-Designer in Sachen Styling noch ein bisschen mehr aus dem Fenster lehnen sollen. Der viel zitierte Traditionsbruch hin oder her – die Kombiversion sieht besser aus, als die viertürige Limousine, die vor drei Jahren vorgestellt wurde. Ab der B-Säule wurde der 4,71 m lange Brite komplett neu kreiert. Runde, weiche Formen, die nicht nur Männern gefallen. Das Heck ist eine gelungene Mischung aus BMW 3er Touring und dem ehemaligen Volvo V 40. Kaum zu glauben: Der Estate hat in seiner Klasse den größten Kofferraum – beachtliche 1.415 Liter. Nicht vergessen: Wir sitzen in einem Jaguar. Das bietet kein anderer. Zudem gibt es eine niedrige Ladekante, ein separat zu öffnendes Heckfenster und eine versteckte Box für Notebook & Co unter dem Kofferraumboden. Hier hat jemand nachgedacht; einen Stromanschluss gibt es dort ebenfalls.
Allrad in Serie
Ein Blick unter die gewölbte Haube und die üblichen Verdächtigen kommen zum Vorschein. Basisversion ist der aus dem Ford Mondeo stammende 2.0 d mit 130-Diesel-PS. Leider schafft der Commonrail-Diesel im Jaguar keine Euro-4-Abgasnorm. Erwartungsgemäß wird der drehfreudige Selbstzünder das Volumenmodell werden. Zudem gibt es zwei Benzinvarianten mit 2,5- und 3,0-Litern Hubraum. Besonders die Dreiliterversion macht im Jaguar Estate eine überlegene Figur. Für einen Preis von 38.700 Euro gibt es nicht nur agile 169 KW / 231 PS, sondern auch einen fahrdynamischen Allradantrieb, der dem 1,6 Tonnen schweren Briten sehr gut zu Gesicht steht. Die Kraftübertragung erfolgt fest im Verhältnis 40:60 zugunsten der Hinterachse. Erinnert an den Kurvenkünstler BMW 330xi, weniger an den potenten Audi A 4 Avant 3.0 quattro, die preislich auf gleicher Höhe liegen.
Der Estate schafft eine Höchstgeschwindigkeit von 232 km/h. Den Spurt 0 – 100 km/h erledigt er auch Dank Allradantrieb in 7,3 Sekunden. Doch die 231 PS und der sanft grollende Dreiliter Sechszylinder mit 279 Nm Maximaldrehmoment sollten es schon sein, wenn der sportlich ambitionierte Fahrer mit seinem neuem Edelgefährt auf Kurvenhatz gehen möchte. Im unteren Drehzahlbereich gibt sich der X-Type etwas müde, über 3.000 U/min ist es besser.
Straffes Fahrwerk
Das Fahrwerk ist gut und selbst mit dem Sportpaket nicht unkomfortabel abgestimmt. Der X-Type liegt satt auf der Straße. Die Lenkung ist leichtgängig und vermittelt einen guten Kontakt zur Fahrbahnoberfläche. Das Heck gibt sich mitunter etwas zickig; lässt sich jedoch manuell oder mit der serienmäßigen Stabilitätskontrolle problemlos wieder einfangen. Überhaupt ist die Ausstattung des X-Type Estate in punkto Komfort und Sicherheit auf der Höhe. Serienmäßig gibt es unter anderem ESP (DSC), ABS, sechs Airbags, Dachreling, Klimaanlage und CD-Soundsystem. Der Innenraum zeigt sich im bekannten Jaguar-Chic. Im Gegensatz zum Kofferraum hält sich das subjektive und objektive Platzangebot jedoch gleichermaßen in Grenzen. Groß gewachsene Fahrer haben Probleme mit Kopfhöhe und Ellenbodenfreiheit. Gerade die Sportsitze passen perfekt; man sollte jedoch nicht über 1,85 m groß sein. Auf der Rückbank geht es ebenfalls recht beengt zu. Aber der Jaguar Estate ist nun mal einmal mehr Lifestyle-Kombi denn Lastesel. Den guten Eindruck im Innenraum stören die allzu preiswert wirkenden Instrumente und das aufpreispflichtige Navigationssystem, das nur im Stand zu bedienen ist. Doch Jaguar gelobt Besserung. Ab Mai ist der Routenfinder auch während der Fahrt zu programmieren. Bleibt die Frage, wie viele Käufer sich für den Jaguar X-Type entscheiden werden. Die Chancen auf einen Volltreffer bei den Briten standen jedoch noch nie besser.