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Hintergrund  Hintergrund: Studie zum Fahrspaß

Die Spaß-Vermesser



Ob, wann und wie viel Spaß das Autofahren macht, haben Forscher jetzt erstmals wissenschaftlich untersucht. Mimik und Stimme verraten mehr als tausend Worte, davon sind die Wissenschaftler überzeugt.

 
 Fahrspaß-Studie
  
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Die Muskeln in der unteren Gesichtshälfte sind offensichtlich recht aktiv, die Mundwinkel wandern deutlich erkennbar in Richtung Ohren. Das registriert das Rechenprogramm für Mimik-Erkennung genau. Das Muster, das die bunten Linien auf dem Monitor zeigen, ist eindeutig und der Computer "versteht", was die Testperson in der ausgewerteten Bildsequenz fühlt: Starkes Kräuseln um Lippen und Kinn, dazu die aufwärtsstrebenden Linien zwischen Mund und Ohr - das kann nur "Freude" sein.

Mimik-Erkennung per Computer ist Teil einer besonderen Pilotstudie, die Fachleute des Rostocker Fraunhofer Instituts, der Technischen Universität München und der Mercedes-Kundenforschung gemeinsam erstellt haben. Ziel der Untersuchung war es, emotionale Reaktionen von Autofahrern und Autofahrerinnen zu messen und zu bewerten. Weder Ärger noch Angst, Langeweile oder Stress standen im Zentrum der Untersuchung. Die Fachleute richteten ihr Augenmerk auf die Freude. Mit den objektiven Methoden der Wissenschaft wollten die Teams den Fahrspaß messen, den Mann oder Frau hat, wenn er oder sie am Steuer eines Mercedes sitzt.

Bei der Praxisuntersuchung schickten die Stuttgarter acht Probanten zwischen 33 und 53 Jahren auf ein Testgelände mit Landstraßen- und Autobahnabschnitten und einer kurvenreichen Handlingstrecke. Die Testpersonen durften einmal in der neuen C-Klasse und ein anderes Mal mit dem Mercedes-Benz 190 E von 1983 auf den Parcours. Während der Fahrt zeichnete ein Datenspeicher Geschwindigkeit, Längs- und Querbeschleunigung sowie die genauen Positionsdaten der Autos auf. Im Innenraum nahmen währenddessen Videokameras die Gesichter der Fahrenden ins Visier. Bei der Bildauswertung im Labor wurde das Filmmaterial anschließend in rund 60.000 Einzelbilder zerlegt, die der Computer für seine Mimik-Erkennung analysierte.

Um das Minenspiel zu deuten, misst der Rechner jeweils 140 Merkmale im Gesicht. Die Entwickler des Erkennungsprogramms haben sich dabei Erkenntnisse des amerikanischen Psychologen Paul Ekman zunutze gemacht. Ekmans Studien zeigten schon in den 70er Jahren, das die menschliche Mimik ein unbestechlicher Indikator für Emotionen ist, dass 43 Muskeln im Gesicht feinfühlig auf jede Erregung reagieren und sich dabei nach immer gleichen Schemata bewegen. Der Professor aus Kalifornien fand außerdem heraus, dass "Basisemotionen" wie "Freude", "Wut" und "Trauer" weltweit in gleicher Weise mimisch ausgedrückt und erkannt werden.

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Klang der Freude
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Ein Ergebnis: In der neuen C-Klasse wurde mehr und länger gelächelt als im 190er, dessen technischer Zustand ebenfalls dem eines Neuwagens entsprach. So richtig überraschend ist dieses Ergebnis zwar nicht. Trotzdem probierten die Wissenschaftler noch ein weiteres Messverfahren aus, um den Emotionen der Autolenker auf die Schliche zu kommen. Auch Sprache, das wissen Psychologen schon lange, verrät viel über die emotionale Befindlichkeit. Denn mit dem Gemütszustand verändert sich der Klang der Stimme.

Die Rostocker Informatiker haben Methoden entwickelt, die den Computer feine Nuance bei der Stimmveränderung erkennen lassen. Dazu wurde die Stimme in verschiedene Frequenzbänder unterteilt, das Rechenprogramm verfolgt, wie der Mensch spricht und kann schlussfolgern, ob die jeweilige Äußerung zum neutralen, zum positiven oder negativen Gefühlsbereich gehört. Auch die Intensität der Emotion können die Forscher auf der Monitor-Grafik des Analyse-Programms ablesen.

Während der Emotions-Testfahrt standen die Institutsmitarbeiter per Autotelefon mit den Fahrern in Verbindung und animierten sie, ihre Eindrücke auf den einzelnen Streckenabschnitten zu schildern. Dieses "laute Denken" ist ein bewährtes Verfahren in der Psychologie - wobei es gar nicht so sehr darauf ankommt, was die Befragten sagen. Viel wichtiger ist, wie sie es sagen.

In Zahlendiagramme gefasst, stellte sich das Mercedes-Testergebnis so dar: In der C-Klasse hatten die Fahrer auf 72 Prozent der Strecke ein positives Gefühl. Im 190 E dagegen wurde Fahrspaß nur auf 36 Prozent der Strecke erlebt.

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Spaß ist relativ
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Die Differenzen auf der Spaßmeßlatte fielen von Testfahrer zu Tastfahrer allerdings ganz unterschiedlich aus. Bei routinierten Fahrern kam auch im 190er eine Menge Freude auf. Sie quittierten zum Beispiel das leichte Abdriften des Hecks in den engen Kurven der Handlingstrecke mit einem Lächeln - während weniger geübte Testpersonen in der gleichen Situation die Stirne kräuselten, die Lippen verkrampften und die Stimme in den kritischen Frequenzbereich driftete.

Dass ein subjektive Sicherheitsgefühl die Voraussetzungen für Fahrfreude ist, wissen die Mercedes-Forscher auch aus anderen Erprobungen. Angst und Fahrspaß sind eben wie Tag und Nacht. Das eine schließt das andere aus. Andererseits ist Fahrspaß mehr als das Gefühl von Sicherheit und Bequemlichkeit. "Aktives Handeln gehört immer dazu", sagt Goetz Renner, Leiter der Mercedes-Kundenforschung. Die Datenauswertung der Pilotstudie zeigt, dass gerade Situationen, in denen Dynamik und Agilität des Fahrzeugs spürbar sind, für gute Emotionen sorgen. Fahrspaß ist also, wenn der Mensch die Maschine fordert und das Auto macht, was er will.

Jetzt, wo der Spaß messbar ist, wollen die Stuttgarter die spaßfördernden Faktoren noch stärker in die Modellplanung einbeziehen. Die Wissenschaftler in Rostock und München sehen die Einsatzmöglichkeiten für ihre Emotionsmeßmethoden auch nicht auf die Belange der Automobilindustrie beschränkt. So könnte das Sprachanalyseprogramm zum Beispiel im Callcenter beim Teamwork mit dem Spracherkennungscomputer gute Dienste leisten. Mit Hilfe der Frequenzanalyse könnte der Computer entscheiden, ob sich ein Kunde weiter durch die Kette der automatischen Ansagen quälen soll. Oder ob er emotional so geladen ist, dass er schleunigst zu einem "echten" Mitarbeiter durchgestellt werden muss.

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